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Bibliotheken - nichts für junge Leute?

Ein Interview mit dem Leiter der Städtischen Bibliotheken Dresden Dr. Arend Flemming

Veröffentlicht im BIX-Magazin 2001

Junge Leute in Bibliotheken – eine Selbstverständlichkeit?
Sicher besteht Einigkeit darüber, wie wichtig die Zielgruppe der Jugendlichen für Bibliotheken ist. Warum werden dennoch selten konkrete Angebote für sie entwickelt? Wie könnten diese Angebote überhaupt aussehen?
Wir befragten Dr. Arend Flemming, Leiter der Städtischen Bibliotheken Dresden und Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes, zu diesem Thema und zum Konzept der medien@age in Dresden.

Herr Dr. Flemming, in Bibliotheken werden oft gezielt Angebote für Kinder und Erwachsene gemacht - Jugendliche, junge Erwachsene als Zielgruppe werden dagegen eher selten direkt angesprochen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es fehlt den Bibliotheken oft an Verständnis und Mut, sich auf die Dynamik dieser Zielgruppe einzulassen. Dies ist schade, wenn auch nachvollziehbar aufgrund der Probleme Identifikation, Geschwindigkeit und Technologie-Kompetenz. Interessen und Vorlieben Jugendlicher scheinen oft mit der Bildungsfunktion der Bibliothek schwer vereinbar zu sein. Jugendliche wiederum lehnen zu pädagogisch orientierte Angebote ab. Dies ist frustrierend für wohl meinende Anbieter. Die Entscheider in Bibliotheken können sich schwer in die Zielgruppe hineinversetzen. Die Arbeit mit Jugendlichen erfordert viel Einfühlungsvermögen, Toleranz und die Bereitschaft, sie als gleichberechtigte Partner zu akzeptieren. Die Gefahr von Misserfolgen ist viel größer, da Jugendliche sehr kritisch und konfliktbereit sind. Hat man sich dann eingestellt auf die aktuellen Jugendtrends, überrascht einen das nächste Problem: Interessen und Moden wechseln oft, dadurch veralten die Angebote schnell. Aktuell zu bleiben ist jedoch teuer. Jugendliche sind sehr technikorientiert und beherrschen neue Medien oft besser als Bibliotheksmitarbeiter. Das birgt wiederum Frustrationsgefahr bei den Mitarbeitern, denn eigentlich sollten wir doch die Profis sein. Die Anpassung an moderne Technik und neue Dienstleistungen geht in Bibliotheken jedoch langsam vor sich, ist ein langfristiger Prozess.

Das Angebotskonzept der medien@age in Dresden zielt bewusst auf diese Kundengruppe ab - warum?

In Dresden nutzen rund zwei Drittel aller Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahre die Städtischen Bibliotheken. Ab dem 20. Lebensjahr sinkt die Nutzung rapide. Das ist eine biographisch bedingte, in allen Städten beobachtbare Tendenz. Wir wollen diese Tendenz sowohl mit schulischen als auch mit freizeitorientierten Angeboten abschwächen. Jugendliche sollen die Bibliothek nicht nur mit Schule und Prüfung in Verbindung bringen. Jugendliche wollen sich abgrenzen, sich mit ihrer Bibliothek identifizieren können, dafür sind die Stadtteilbibliotheken nicht so gut geeignet. Die medien@age soll das Image einer Einrichtung vermitteln, die für alle Lebenssituationen und Interessenlagen der Zielgruppe attraktive Angebote bereithält, die trendbewusst agiert und ihre Kunden ernst nimmt. Die Bemühungen um Jugendliche sichern letztlich auch die nächste Nutzergeneration. Wen wir mit 25 Jahren noch nicht verloren haben, den haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit für die nächsten zehn Jahre gewonnen - dann mit seinen Kindern in der Stadtteilbibliothek.

Wie sind Sie bei der Konzeption des Angebotes, aber auch bei der räumlichen Gestaltung vorgegangen? Woher wissen Sie, was Ihren Kunden gefällt?

1999 haben wir, gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung, eine infas-Umfrage unter der Dresdener Bevölkerung durchgeführt, aus der wir erste Schlüsse auf den Bedarf ziehen konnten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der früheren Kinder- und Jugendbibliothek befragten vor deren Schließung ihre Nutzer, was sich diese für eine neue Bibliothek wünschen. Schließlich gab es Gespräche mit Fokusgruppen in Schulen, wo Schüler nach ihren Wünschen, Interessen, Angebotsideen, Gestaltungsvorschlägen und ihrer Meinung zu den Themen gefragt wurden, nach denen die Medien aufgestellt werden sollten. Natürlich flossen auch die Erfahrungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Bertelsmann-Partner in das Konzept ein. Wichtig war darüber hinaus das Studieren der Einrichtung von gut gestalteten Läden, Klubs und Kinos, die sich an dieselbe Zielgruppe wenden. Ein Angebotsschwerpunkt sind elektronische Services, die ja in vielen Bibliotheken derzeit Thema sind.

Welche Tipps haben Sie für andere Bibliotheken bei der Einbeziehung dieser neuen Services in das traditionelle Bibliotheksangebot? Gibt es nahe liegende Kooperationsmöglichkeiten?

Wichtig ist vor allem, dass die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitziehen. Dafür müssen sie gut geschult sein und sich mit den geplanten Angeboten identifizieren. Auf diese Aufgabe muss größter Wert gelegt werden. Möglichst individuell auf den Bedarf ausgerichtete professionelle Partner helfen bei der Umsetzung. Wir haben das Jugendamt ins Boot geholt, welches eine Jugendinformationsstelle (JIS) in der Bibliothek betreibt und gleichzeitig die Internet-Plätze betreut. Mit der JIS probieren wir neue Wege der Kommunikation mit unseren Nutzern. Wir haben erste Erfahrungen mit neuen Veranstaltungsformen wie Prominenten-Chats gesammelt, starteten in den letzten Tagen ein gemeinsames e-magazin und planen Infos über SMS an die Nutzer. Gut ist es, wenn genügend Internet-Plätze angeboten werden können, um Gruppen in Klassenstärke zu betreuen. Dabei sollte das Internet möglichst wenig eingeschränkt den Zugang zu allen seinen Funktionen gewähren, bei gleichzeitig intensiver Betreuung der Plätze.

Wenn eine Bibliothek sich auf ein ganz bestimmtes Publikum spezialisiert, wie es die medien@age tut, hat dies Auswirkungen auf andere Filialen in Dresden?

Das ist schwer festzustellen. Unsere Mitarbeiter befürchteten es jedenfalls. Sie sorgten sich, dass sie die Jugendlichen an die medien@age verlieren. Bisher ist dies aber nicht festzustellen. Viele Nutzer der medien@age sind auch in anderen Zweigstellen aktiv, da die Angebote sehr verschieden sind und eine Konkurrenz eigentlich nicht zu befürchten ist. Viele Jugendliche würden gar keine Bibliothek nutzen, wenn es die medien@age nicht gäbe.

Die medien@age möchte Jugendliche aus dem gesamten Dresdener Stadtgebiet erreichen - funktioniert dies aus Ihrer Sicht?

Ja. Auch die Schulen, die sich zu Bibliothekseinführungen und thematischen Veranstaltungen melden, liegen in der ganzen Stadt. Wir legen natürlich auch Wert auf eine stadtweite Werbung: Postkartenaktion, Info-Briefe an Schulen im gesamten Stadtgebiet, Artikel in Schüler-, Veranstaltungs- und Tageszeitungen, Berichte im Rundfunk und Fernsehen. Es funktioniert vor allem darum, weil wir in der Wahl des Standortes keine Kompromisse gemacht haben und neben der exzellenten Erreichbarkeit im Stadtzentrum den Jugendlichen signalisieren: Ihr seid uns eine solche Superlage wert!

Vielen Dank für dieses Gespräch!

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